playing augustine

du hast mir gesagt, dass du mich heilen würdest.
du hast mir gesagt, dass du etwas anderes für mich tun würdest.
du wolltest, dass ich scheitere.

ich glaube, dass du mir die würmer aus der nase ziehst …
du hast gut ja sagen, ich sage nein.

(augustine im delirium zu monsieur c.)

      

nichts kann die hysterie nachahmen, weil nachahmung das symptom der hysterie selbst ist. 

gilles de la tourette




attitudes passionelles - extase (planche XXIII),  augustine in “iconographie photographique de la salpêtrière” 




louise augustine gleizes /// ich sage nein


*21. august 1861, paris

21. oktober 1875: aufnahme in der salpêtrière
symptome: leidet unter krampfanfällen und lähmungen.
diagnose: hystero-epilepsie.

18. februar 1879: entlassung aus der klinik, da symptomfrei
lebt und arbeitet dort weiter als dienstmädchen. wird auch weiterhin für hysterie-demonstrationen hypnotisiert.

06. april 1880: rückfall
symptome: starke erregungszustände, inklusive eines gewalttätigen ausbruchs, bei dem sie fenster einschlägt und ihre zwangsjacke zerreisst.

11. juni 1880: zelle
wird zum ersten mal in eine zelle gesteckt.

juli 1880: fluchtversuch 1 + 2
nach zwei monaten in der zelle. wird am nächsten tag gefunden und zurückgebracht.
zweiter versuch kurz darauf während eines konzerts in der klinik. wird in letzter sekunde gefasst, bevor sie in eine kutsche steigen kann.

9. september 1880: fluchtversuch 3, erfolgreich
flieht als mann verkleidet aus der salpêtrière.



ich habe versucht das mädchen, das man heute nur noch augustine nennt und das man damals so gerne fotografierte, nachzuahmen. ich wollte wissen, ob die präzise reproduktion ihrer posen mir mehr von ihr erzählen kann. was empfand sie, was begehrte sie, was schmerzte, erregte sie in diesem moment der fotografierten hysterie?
die ärzte taten so, als ob sie es wussten. sie schrieben unter die fotografien klingendes wie menace, extase, halloucination de l’oui ... 

nun gut, ab ins reenactment und – nichts davon stellte sich ein, schon gar nicht klingendes. im gegenteil, leere machte sich breit. aber doch, da war was: körperlicher schmerz. um den gespannten nackenmuskel passgenau blitzen zu lassen, musste ich mich verwringen und gegen den sinn versteifen. aua. trotzdem, es blieb leer. 

um die fotografische situation fruchtbar zu machen, musste ich erfinden, ein schauspielerisches surplus darauf setzen, mich extra reinsteigern in wasauchimmer, hauptsache emotional, hauptsache empfindung. business as usual.
fazit: ich habe augustines festgehaltenen posen kein geheimnis entlocken können, sondern ein eigenes implementieren müssen. 

kurzer frust, aber eigentlich freude: weder die fallgeschichten noch die legenden dieser männer können greifen, was augustine in diesem ihrem augenblick erlebt hat. fremd ist sie den ärzten geblieben, geradezu hilflos unempathisch scheint das medizinische unverständnis in der retrospektive. 

augustine war in ihrem film und zwar ganz alleine, selbst während sie abgeschossen und durchleuchtet wurde. sie behält ihr geheimnis und begehren für immer für sich. 




catalepsie (planche XV),  augustine in “iconographie photographique de la salpêtrière”



1880.
6. april. – x… ist rückfällig geworden; sie wurde im dienst ersetzt, krankheitshalber. gegen die anfälle werden die presse, äther und chloroform eingesetzt. wiederholt werden zeitabschnitte der aufregung festgestellt, in denen sie fensterscheiben zerschlägt und zerbricht, die zwangsjacke zerreißt usw.
am 11. juni, als die aufregung heftiger war, wurde x… in die zelle gesperrt.

bourneville in “iconographie photographique de la salpêtrière”







augustine ist die meistfotografierte hysterika der klinik: 22 bilder von ihr finden sich in band 2 und band 3 der iconographie photographique de la salpêtrière.